In Boris Vians Meisterwerk ‘Der Schaum der Tage’ verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Ein zentrales Element dieser surrealen Welt ist die Pianocktail – ein Instrument, das Musik in köstliche Cocktails verwandelt. Es ist mehr als nur eine skurrile Erfindung; es ist ein vielschichtiges Symbol für Kreativität, Vergänglichkeit und die einzigartige Verbindung von Kunst und Leben.
Boris Vians geniale Erfindung
Boris Vian, bekannt für seine poetisch-verspielten Welten, erschuf mit der Pianocktail eine faszinierende Verbindung von Musik und Kulinarik. Im Roman erklärt der Protagonist Colin die Funktionsweise: Jede Taste des Klaviers ist mit einer bestimmten Zutat verbunden – sei es Alkohol, Likör oder ein feines Gewürz. Die Intensität des Anschlags und die Dauer des Spiels bestimmen die genaue Mischung des Cocktails. Ein schneller Triller erzeugt beispielsweise spritziges Selterswasser, während das Pedal für die Zugabe von Eiweiß oder Eis verantwortlich ist. Diese detaillierte Beschreibung, die man auch im Artikel der RTBF nachlesen kann, zeugt von Vians außergewöhnlichem Erfindungsreichtum.
Mehr als nur Musik: Synästhesie und die Pianocktail
Die Pianocktail ist ein perfektes Beispiel für Synästhesie – die Verschmelzung verschiedener Sinneswahrnehmungen. Hier wird Musik nicht nur gehört, sondern auch geschmeckt. Die Grenzen zwischen den Sinnen lösen sich auf, und es entsteht eine ganzheitliche Erfahrung. Diese Verschmelzung spiegelt die intensive Gefühlswelt des Romans wider, in der Emotionen fast körperlich spürbar sind. Die Pianocktail macht diese Gefühle greifbar und erlebbar. Wie das Wiktionnaire treffend beschreibt, mixt das Instrument zu jeder gespielten Melodie einen individuellen Cocktail, dessen Geschmack die Empfindungen beim Hören der Musik widerspiegelt.
Klang und Geschmack: Konkrete Beispiele
Stellen Sie sich vor, ein überschwänglicher Jazz-Klassiker, wie Duke Ellingtons ‘Take the A Train’, verwandelt sich in einen spritzigen Cocktail. Die prickelnde Zitrone tanzt mit der Süße von Orangenlikör, abgerundet durch einen Hauch Minze – ein Fest für die Sinne, das die Energie des Swings einfängt. Oder nehmen wir eine melancholische Ballade wie ‘Clair de Lune’ von Debussy. Dazu passt ein bittersüßer Drink mit dunklen Beeren, einem Hauch von Absinth und der leichten Herbe von Wermut – ein Cocktail, der die Tiefe und die Sehnsucht der Musik widerspiegelt. Ein experimentelles Stück von John Cage könnte einen überraschenden Cocktail hervorbringen, der scharfe und süße Noten kombiniert – vielleicht eine unerwartete Mischung aus Chili, Schokolade und einem Hauch von Limette. Die Möglichkeiten der Pianocktail sind so grenzenlos wie die menschliche Fantasie und die Vielfalt der Musik selbst.
Die Pianocktail in Michel Gondrys ‘Mood Indigo’
In Michel Gondrys Verfilmung von ‘Der Schaum der Tage’, ‘Mood Indigo’, wird die Pianocktail auf beeindruckende Weise zum Leben erweckt. Gondry, bekannt für seine visuelle Kreativität, arbeitete eng mit dem Produktionsdesigner Stéphane Rozenbaum zusammen, um eine physische Version dieser wundersamen Maschine zu erschaffen. Wie in einem Artikel der New York Times beschrieben, entstand eine ‘Low-Tech-Apparatur’, bei der die Tasten des Klaviers tatsächlich mit Lichtern verbunden sind, die beim Spielen aufleuchten. Obwohl keine voll funktionsfähige Cocktailmaschine gebaut wurde, legten Gondry und Rozenbaum großen Wert auf praktische Effekte und vermieden weitgehend den Einsatz von CGI, um die ‘handgemachte’ und erfinderische Ästhetik des Romans einzufangen. Die Vorderseite des Klaviers wurde geöffnet, um die Saiten und Hämmer sichtbar zu machen – ein Verweis auf die improvisierte, fast ‘schrottige’ Natur von Vians Erfindung.
Zwischen visueller Opulenz und emotionaler Tiefe
Die Pianocktail steht in Gondrys Film, wie auch im Roman, für die überschwängliche Lebensfreude und den Überfluss, den der Protagonist Colin zu Beginn genießt. Doch die visuelle Umsetzung birgt auch eine gewisse Ambivalenz. Während die Pianocktail zweifellos ein faszinierendes Spektakel ist, wurde Gondrys Film, wie im Spiegel erwähnt, auch für seine Verspieltheit kritisiert. Die Frage stellt sich, ob die visuelle Opulenz nicht von der emotionalen Tiefe der Geschichte ablenkt. Die Pianocktail wird so zu einem Symbol für die Herausforderung, die Balance zwischen Fantasie und Substanz, zwischen Form und Inhalt zu finden.
Von der Fiktion zur Realität
Boris Vians Pianocktail hat nicht nur in der Welt der Literatur und des Films, sondern auch in der Realität Spuren hinterlassen. Inspiriert von der surrealen Erfindung haben verschiedene Künstler und Tüftler tatsächlich funktionsfähige Pianocktails gebaut. Diese realen Nachbauten zeugen von der anhaltenden Faszination für Vians Idee und seiner Fähigkeit, die Grenzen der Vorstellungskraft zu sprengen. So wird im Courrier Picard von Veranstaltungen in der Haute-Somme berichtet, bei denen die Pianocktail und die Musik von Boris Vian gefeiert werden. Die Pianocktail, einst ein Produkt literarischer Fantasie, wird so zu einem kulturellen Symbol, das über den Roman hinauswirkt.
Die Pianocktail: Ein Vermächtnis
Die Pianocktail bleibt ein faszinierendes und vieldeutiges Symbol in ‘Der Schaum der Tage’. Sie ist ein Denkmal für Boris Vians einzigartige literarische Stimme und seine Fähigkeit, die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwimmen zu lassen. Gleichzeitig regt sie zum Nachdenken über die Bedeutung von Fantasie und Kreativität, aber auch über die Flüchtigkeit des Glücks und die Herausforderung, in der Kunst die richtige Balance zwischen Form und Inhalt zu finden. Die Pianocktail ist ein Vermächtnis, das uns daran erinnert, dass die Welt oft viel reicher und wundersamer ist, als wir es uns vorstellen können.